Der 1. Schnitt 2010 - die große UnbekannteDer 1. Schnitt 2010 - die große Unbekannte

Der international anerkannte Spezialist für Fütterung und Herdenmanagement von Milchkühen, Dr. Michael Neumayer, mit einem brandaktuellen Thema.

Der 1. Schnitt 2010 - die große Unbekannte

Der erste Schnitt stellte heuer viele große Herausforderungen an Bauern, vor allem an die Milchviehhalter. Das Frühjahr war gekennzeichnet durch eine Schönwetterperiode, die eigentlich zu großen Hoffnungen Anlass gab, was das Futter und die Futterqualität betrifft. In den Gunstlagen konnten viele Bauern das Futter in dieser Phase einbringen. In etwas weniger begünstigten Gebieten aber war der Futterbestand nicht wirklich berauschend und so warteten viele Bauern zu und als der erste Regen kam, war man noch optimistisch, dass es nun wirklich gutes Futter in ausreichender Qualität geben würde. Der Regen aber hörte nicht auf und es wurde zusätzlich für die Jahreszeit zu kalt. Dann endlich ein Loch in der Schlechtwetterperiode, das aber nur einige wenige nutzen konnten und schon ging es mit dem Regen und der Kälte weiter. Viel zu spät wurde es endlich etwas besser. Die Folge dieser Wetterkapriolen spiegelt sich in den Ergebnissen der Futtermittelanalysen wider. Diejenigen, die den Mut hatten, noch vor dem großen Regen zu mähen, brachten zwar relativ wenig, dafür aber hochwertiges Futter in die Silos. Zellwandwerte von unter 45 % NDF sind eher selten bei einem ersten Schnitt, Energiedichten bis hin zu 6,95 MJ NEL auch.

Der heurige erste Schnitt brachte teilweise solche Ergebnisse. Diese Silagen sind zwar nicht wirklich als trocken zu bezeichnen, aber Trockenmassen um die 30 % sind durchaus passend. Alles was während des Regens, in der Regenpause und knapp nach dem Regen gemacht wurde, weist extrem niedere Trockenmassen auf, die niedrigste in dem Kollektiv von Proben, das ich eingesendet habe, wies gerade einmal 19,7 % aus, also im Grunde genommen die gleiche TS wie das Gras auf der Wiese. Trockenmassen so um die 24 % sind heuer eher die Norm als die Ausnahme. Trotzdem berichten viele Bauern, dass überraschenderweise nur wenig Sickersaft aus den Silos rinnt. Ganz anders bei vielen Rundballen, die schwimmen teilweise direkt im eigenen Wasser. Einer „meiner“ Bauern hatte die Idee, die Ballen hochzuheben und dann anzustechen und das Wasser so abrinnen zu lassen. Das ist sicherlich nicht ideal, weil mit dem Wasser auch viele Nährstoffe verloren gehen, trotzdem ist es wohl die einzige Möglichkeit, die Ballensilage so etwas trockener und damit im Mischwagen schneidbar zu machen. Diese nassen Silagen weisen teilweise enorm hohe Zellwandgehalte von 53 % und mehr NDF auf.

Der höchste untersuchte Anteil lag bei 57 % der Trockenmasse als NDF. Wenn man bedenkt, dass das Ziel 46 bis 49 % NDF ist, dann sieht man, wie alt das Futter geworden ist. Diese nassen Silagen sind aber teilweise sehr gut siliert und die Verdaulichkeiten können sich teilweise trotz des hohen Zellwandgehaltes sehen lassen. Die frühen Silagen weisen eine Verdaulichkeit von 85 % der TS in 24 Stunden aus, die ganz späten immerhin noch eine von 78 %. Will man den heurigen ersten Schnitt erfolgreich füttern, wird man um eine Futtermittelanalyse wohl nicht herumkommen. Zu unterschiedlich stellen sich die Ergebnisse heuer dar, als dass man mit Tabellenwerten rechnen könnte. Wichtig wäre auch eine Abschätzung oder sogar genaue Messung der Frischmassenaufnahme durch die ganze Herde oder in der Anbindehaltung pro Tier und Tag. Mit einem Mikrowellenherd oder mit der bekannten Wringmethode kann man die TS abschätzen und damit wenigstens die Trockenmassenaufnahme der Herde bestimmen. Wenn man davon ausgeht, dass eine hochleistende Kuh etwa 18 bis 20 kg TS Grundfutter fressen kann und alles Grundfutter aus Grassilage besteht, dann wären das bei 19 % TS 100 (!) kg Frischmasse Grassilage pro Tier und Tag, bei einer TS von 24 % 79 kg, bei einer TS von 33 % 57 kg und bei einer TS von 38 % nur noch 50 kg Frischmasse, die die Kuh verzehren muss.

Das sind nicht nur enorme Gewichtsunterschiede, sondern sieht vor allem auch sehr unterschiedlich aus, wenn es am Futtertisch liegt. Mischt man diese nassen Silagen in einer Mischration, dann ist es ganz wichtig zu beachten, von welcher TS der Rechnende ausgegangen ist. Wie aus dem oben beschriebenen Beispiel deutlich hervorgeht, sind das ungeheure Unterschiede in der TS, wenn man immer die gleiche Menge an Frischmasse einmischt. Dass unter solchen Umständen ein Stoffwechsel nicht optimal funktionieren kann, versteht sich sicherlich von selbst.

Zusammenfassend kann man heuer nur dringend empfehlen, die Futtermittel analysieren zu lassen und vor allem die Trockenmassen immer wieder zu bestimmen, damit die Kühe auch wirklich genug Grundfutter angeboten bekommen und auch fressen. Nur wer misst, wird etwas verbessern können, besagt eine Grundregel der Wirtschaft. Dieser Satz gilt heuer ganz besonders auch in der Fütterung, wenn diese so unterschiedlichen Silagen eingesetzt werden müssen. Aber es gibt auch schon erste Erfahrungen mit nassem Grundfutter und hohen Zellwandgehalten. Ist die Ration gut eingestellt und ist genügend Kraftfutter enthalten, dann geben die Kühe sehr gut Milch, mit hohen Milchinhaltsstoffen und einer hohen Tiergesundheit. Wenn viele Zellwände in der Grassilage sind, kann sehr oft auf Stroh verzichtet werden und auch die Menge an Rübenschnitten oder Weizenkleie wird man geringer wählen müssen als üblich. Da die Energiedichte dieser Silage nicht wirklich hoch ist und auch der Rohproteingehalt teilweise niedriger als üblich, wird etwas mehr Kraftfutter verwendet werden müssen als in den letzten Jahren.

Leider wird immer wieder vergessen, dass die Kraftfuttermengen immer nur in Relation zum Grundfutter gesehen und gefüttert werden können. Wenn die Tiere also zu wenig Grundfuttertrockenmasse aufnehmen, dann kann das Kraftfutter sehr schnell zu viel sein. Auch deshalb sollte die TS des Grundfutters bekannt sein und die Futteraufnahme gemessen werden. Nur dann kann man entscheiden, welche Mengen an Kraftfutter die Tiere überhaupt vertragen können. Das heurige Futter stellt alle vor große Herausforderungen, und wer bereit ist, diese mit Wissen und Zahlen bewaffnet anzunehmen, der wird trotzdem gute Erfolge erzielen
und betriebswirtschaftlich gesehen gutaussteigen können.

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